Willi Birkenbeil
Arenberg
Erinnerungen an meine Kindheit in Arenberg
zur Zeit des Nationalsozialismus und Jugend.
zur Zeit des Nationalsozialismus und Jugend.
Willi Birkenbeil geb. Freitag 26.Dezember 1930, ein guter Bekannter meines Vaters Alfred Lemaire
Am zweiten Weihnachtstag
1930 wurde ich geboren. Meine Kindheit auf dem Bauernhof meiner Eltern verlief
zunächst friedlich. Ich besuchte den Klosterkindergarten bei den
Dominikanerinnen. In den ersten Schuljahren wurde morgens vor Schulbeginn noch
gebetet. Doch nach 1938 wurde dies abgeschafft. Es gab auch Schulen, wo das
Morgengebet durch das Absingen von Hitlerliedern ersetzt wurde. Das dies in
Arenberg nicht geschah, haben wir Männern wie Josef Weber, Franz
Brendler und Peter Klee zu verdanken, die auch die Lehrerin, Frl.
Opfer und den Lehrer, Herrn Bütgen, unterstützten; sie haben noch lange
versucht, den Nationalsozialismus nicht überhand nehmen zu lassen. Lehrer
Jordan hat sich dann dafür hergegeben, die Anweisungen der NAZIS zu vollziehen.
Er konnte sich dem Druck am wenigsten widersetzen. Viele Arenberger waren
"Männer der ersten Stunde" bei den NAZIS. Sie prahlten mit ihren
Parteibüchern, die niedrige Nummern aufwiesen. Damit war klar, daß sie zu den
ersten Deutschen gehörten, die dieser Partei beigetreten waren. Einer davon war
Parteimitglied Nr. 27. Unser Klassenraum lag im 1. Stock rechts
(von der Schulstraße aus gesehen), links wohnte unser Klassenlehrer Bütgen.
Mein Platz war vorne, und ich konnte dadurch hoch auf den Oskar-Schacht sehen.
Dabei habe ich beobachtet, wie die Loren, also die kleinen Feldbahnwagen der
Grube, riesige Mengen abkippten und die Halde immer weiter wuchs. Zu dieser
Zeit wurde viel Erz gefördert.
An die Weihnachtsfeier 1937 erinnere ich mich
gut. Es war das letzte Fest, an dem das Kreuz noch in der Klasse hing und die
jüdischen Kinder noch unter uns in der Klasse saßen. Nach 1938 mussten sie
extra sitzen. Ich kann mich nicht erinnern, daß gegen die jüdischen
Kinder in der Schule Hass aufkam. Sie wurden hier nicht beschimpft. Uns Kindern
hat es nur. leidgetan als Kinder von 7-8 Jahren wenn man Hetzparolen
verbreitete und ausgesprochen hat. Bis die unglückselige Nacht kam, die
"Kristallnacht" am 9.11.1938, in der man den Juden sehr weh getan
hat. Auch in Arenberg war die judenfeindliche Stimmung schon vorher spürbar. In
dieser Nacht wurden die Judenhäuser gestürmt, die Juden aus den Betten auf die
Straße getrieben und ihre Einrichtung sowie Fenster und Türen beschädigt.
Allerdings reichte die Macht der NAZIS noch nicht, um die Juden endgültig zu
vertreiben. Dies geschah im Winter 1942. Als wir morgens zur Schule gingen,
waren die Häuser leer. Es hieß: Die Juden sind ausgewandert- sie waren
"einfach weg". Ihr Besitz wurde eingezogen, es wurde zu
Volksvermögen. Bevor die Juden abgeholt wurden, also ab 1941, mussten sie den
(gelben) Davidstern mit der schwarzen Aufschrift "JUDE" tragen, der
an die Kleidung angenäht sein musste; zunächst trugen sie ihn noch versteckt,
später wurden sie gezwungen, den Stern offen zu zeigen.
Aber die Exklusion, das
Ausgestoßen Sein, haben die Juden während der ganzen Zeit empfunden. Sie
durften in den Arenberger Geschäften nichts mehr kaufen, auch den Bauern war es
verboten, Lebensmittel an Juden zu verkaufen, und Juden durften nicht mehr
beschäftigt werden. Die Drohung: "Wer Juden hilft, wird selbst
verhaftet" saß jedem im Nacken. 1942 spitzte sich alles zu. Am 12.12.42
wurde in Berlin unter Himmler die "Endlösung" beschlossen. In diesem
Herbst haben sich auch in Arenberg die jüdischen Mitbürger in ihren Wohnungen
verkrochen. Eine Jüdin, nämlich Frau Michel, bat meinen Vater, ihrem Sohn
Bernhard Arbeit zu geben. Er durfte mit uns Knollen (Rüben) einsammeln. Wir
haben ihm Geld, Essen und Kleidung gegeben, auch für seine Eltern. Dies alles musste
heimlich geschehen. Auch seine Arbeit bei uns.
So kam er bereits früh, wenn es
noch dunkel war, und schlich abends bei Dunkelheit über die Felder nach Hause.
Über die Straße konnte er nicht gehen, sonst wären Spitzel misstrauisch
geworden. Leider waren wir machtlos. Alle Menschen spürten die Spannungen.
Juden wurden als Unmenschen bezeichnet. Zeitungen kamen ins Haus mit
Karikaturen der Juden. Propagiert wurde die blonde, blauäugige, große
Arierrasse.
Zu dieser Zeit war ich elf Jahre alt. Furchtbar hat es mich als
Kind bedrückt, als am 22.6.1941 der Krieg gegen Rußland begann, gegen dieses
große, mächtige Land. Der Winter hat die Armee kurz vor Moskau aufgehalten und
zurückgeschlagen, weil die deutsche Armee nur eine schlechte Ausrüstung gegen
diese Kälte besaß. Spätsommer 1942 bis Winter, Anfang 1943 - Stalingrad - und
der Krieg war verloren. Aber das durfte niemand sagen, sonst kam man ins
Konzentrationslager. Stalingrad war eine Wende in der Geschichte. Elitetruppen
wurden geopfert - sie litten unter Hunger und Kälte in diesem weiten Land.
Heute kann man nur ahnen, was dort geschah, aber wir haben das als junge
Menschen mitempfunden. Uns begleitet dies ein Leben lang. Am 6.6.1944 begann
die Invasion der Alliierten in der Normandie (Dday). Unsere Soldaten mussten
sich trotz starkem Widerstand auf die deutsche Grenze zurückziehen. Am
16.12.1944 brach der letzte deutsche Sturm los, aber er war vergebens. 76 000
Alliierte starben, doch durch Lufthoheit und ihre Übermacht blieben die
Alliierten Sieger. Die Luftangriffe auf Arenberg begannen am 20. Juli 1944.
Der
zweite große Angriff fand am 25.9.44 (19.09) statt. Berichten möchte ich vom 3.
Großangriff am 10.12.44. Schon seit Tagen fanden Truppenbewegungen von der
Fritsch-Kaserne (Ehemalige Flackkaserne in Niederberg) aus statt. Sie standen
im Zusammenhang mit der bevorstehenden Offensive im Westen. Dies blieb den
Aufklärungsfliegern nicht verborgen. Am 2. Adventssonntag, einem kalten
Dezembermorgen, wurde die gesamte frühere Straße von der heutigen
Bushaltestelle bis zur Fritsch-Kaserne dauernd beidseitig von britischen
Bombern mit kleinen Spreng- und Brandbomben beworfen. Eine dieser Bomben fiel
in die linke hintere Ecke des Schulgebäudes beim kleinen Schulhof.
Die gesamte
Rückwand - unten Klassenraum, oben Wohnung - bis zum Treppenhaus war
eingedrückt und zerstört. Im Keller saßen junge, 16 jährige Soldaten an dieser
Wand. Sie starben fast alle bei diesem Angriff. Beerdigt wurden sie in einem
Massengrab auf dem Arenberger Friedhof hinter dem Kriegerdenkmal. Die
Zivilisten saßen an der Wand zur Straße hin, also auf der anderen Seite. Ein
Soldat hatte ein Mädchen beschützt, indem er sich über sie geworfen hat. Doch
ein anderes Mädchen mußte sterben. Insgesamt starben 18 Menschen, die sich hier
aufgehalten hatten. Es gab viele Verletzte. Pfarrer Leclerc eilte herbei, um
die Sterbesakramente zu geben, doch ein weiterer schwerer Angriff zwang ihn, im
Graben neben der Schulstraße Schutz zu suchen. Von der Volksschule Arenberg war
ich 1942 direkt in die Quinta (= 6. Klasse) des Gymnasiums gewechselt. Die
Schule am (Heutigen) Friedrich-Ebert-Ring, damals Kaiser-Wilhelm-Ring, wurde im
September 1944 geschlossen, weil die Front immer näher kam. Alle wurden in der
Stadthalle, dort wo heute das Scandic-Hotel steht, unterrichtet. Am 25.9.44 hatte
ich morgens verschlafen. Ich fuhr mit der Straßenbahn. In Niederberg, am
Brunnen, mußten wir aussteigen und in den Stollen laufen, weil vom Westen her
ein Luftangriff bevorstand. Ein weiterer Bomber kam von Süd-Westen. Er wurde
von der Kreuzberger Flak in Ehrenbreitstein abgedrängt und entlud seine Bomben
ab Immendorf vom Gebiet Auf‘m Roth (Reuschweg) über den Spieß bis an die
Weidwiese oberhalb von Arenberg. Bei dem Luftangriff aus Westen wurde auch die
Stadthalle getroffen. Zwei meiner Klassenkameraden waren tot, drei verletzt.
Ich hatte das Glück, daß ich bei diesem Bombenangriff nicht dabei war, weil ich
verschlafen hatte.
Danach wurde die Schule geschlossen. Die Bombenangriffe
wurden immer schlimmer, am 6.11.1944 nach 17 Uhr erfolgte der stärkste Angriff
auf Koblenz. Auch Brand- und Phosphorkanister wurden geworfen. Das Brennen war
furchtbar. Der helle Himmel in der dunklen Nacht - das Inferno war weit zu
sehen - Koblenz verbrannte. Ein Phosphorbrandkanister traf in Arenberg an jenem
Abend die Scheune von Bauer Schneider, die bis auf die Grundmauern verbrannte.
Bis zum März gelang den Alliierten der Durchbruch zum Rhein. Von den Deutschen
wurden die Brücken -Pfaffendorfer, Schiffbrücke, Engerser Eisenbahnbrücke- gesprengt: damit wurden
die fremden Truppen aufgehalten.
Doch das für die Sprengung der Eisenbahnbrücke
bei Erpel zuständige Sprengkommando hat die Sprengung verweigert. Sie wurden
deshalb im Westerwald auf Befehl des Führers exekutiert, also hingerichtet;
Ausspruch Hitlers: Das Rheinland hat mich verraten. Über diese Brücke bei Erpel
kamen die Amerikaner. Am Passionssonntag, dem 18.3.1945, waren sie bereits in
Koblenz. Am Nachmittag des 26.3.45 habe ich vom Caritashaus aus die
Truppenbewegungen über die Simmerner Straße Richtung Neuhäusel beobachtet. Am
nächsten Tag rückten die amerikanischen Truppen von Neuhäusel aus nach
Arenberg, Niederberg und Ehrenbreitstein vor. Damit ist klar, daß wir unser
Leben und den Erhalt unserer Heimat den Soldaten zu verdanken haben, die den
Ungehorsam gegen das Hitlerregime gewagt und dies mit ihrem Leben bezahlt
haben. Sonst wäre die rechte Rheinseite tagelang von der Karthause aus
beschossen und alle Häuser in Arenberg zerstört worden.
Bis zwei Tage vor dem
Einmarsch war die SS noch in Arenberg. In allen Stollen wurde nach Personen
gesucht, die man zum "Volkssturm" einziehen könnte. Auch Kinder und
Jugendliche sind hiervon betroffen. Sie wurden als Kanonenfutter benutzt und
müssen noch in den letzten Kriegstagen sinnlos sterben. Um mich dem
Zugriff der SS zu entziehen, hatte ich mich in den Caritasstollen, der in den
Berg an der Süd-West-Ecke Richtung Rheinblick getrieben war, zurückgezogen. Der
notwendige Luft- oder Bewetterungsschacht befand sich etwas unterhalb dem
heutigen Wendeplatz Rheinblick. Am 23. März 1945 stand ich vor dem Stollen und
sah zwei SS-Leute und einen Denunzianten über den Sportplatz kommen, die den
Stollen durchsuchen wollten. An Schwestern, Verwundeten und Kriegslungenkranken
vorbei bin ich durch den Luftschacht ca. 10 m hoch hinausgeklettert. Niemand im
Stollen hat mich verraten. Oben im Luftschacht hielt ich mich auf, die Arme
auseinandergespreizt, um nicht wieder hinabzurutschen, bis ich die Männer
wieder weggehen sah Richtung Kastanienbrücke. Die Kastanienbäume waren zu dem
Zeitpunkt stark zerstört, beschossen von der Karthause aus, weil hier die
Versorgungszüge zur Festung Ehrenbreitstein und zurück mit Material und
Verpflegung entlangkamen. Wie ein Soldat robbte ich an diesem hellen, sonnigen
Tag über die Wiesen, die Glück mit hohem, trockenem Gras bewachsen waren. So
wurde ich nicht entdeckt, als ich unter den Stacheldrahtzäunen hindurchrobbte.
Abends bei Dunkelheit kam ich bei der Landwirtschaft der Caritas, die damals
noch Schweine und 3 Kühe besaß, an. Dreckig und vermatscht wie ich war,
versteckte ich mich am Misthaufen. Hier fand mich die Ökonomieschwester und
versteckte mich in der Haferkiste. Nachts nahm sie mich unter ihrem Mantel und
brachte mich hinter den Heizkessel des Caritashauses. Die Heizung war natürlich
nicht an. Ich bin vor Erschöpfung in meinen nassen Kleidern eingeschlafen.
Gegen Mitternacht schreckte ich von einem lauten Knall hoch. Der ganze Staub
und Putz des Raumes fiel über mich. Der Schlag war sehr heftig. Doch ich traute
mich nicht heraus. Am nächsten Morgen habe ich die Ursache gesehen: unmittelbar
vor der Wand, an der ich nachts schlief, lag eine Artillerie-Granate. Sie war
nicht explodiert, weil die Zündnadel verklemmt wurde, als die Zündkapsel schräg
gegen die Erkermauer gedrückt und so die Granate zum Blindgänger wurde. Sonst
ware ich in jener Nacht vielleicht gestorben. Wie schnell hat sich gerade
Koblenz, die zerstörte Stadt, nach dem Krieg erholt. Zwar herrschte in den
kalten Wintern 1946/47 Hungersnot und alles Brennbare wurde abgeholzt und
verwertet. Es gab den Druck der französischen Besatzung, die alles mögliche
(Vieh, Getreide, Kartoffeln) beschlagnahmt und weggeholt haben.
Doch nach der
Währungsreform am 21.6.1948 und der Gründung der Bundesrepublik ging es mit
Kanzler Adenauer aufwärts. Die Menschen leisteten viel, es gab kein
Anspruchsdenken. Der Schutt wurde mittels Loren zum Oberwerth weggeräumt. Wir
hatten nur eines im Sinn: Das Schlimme so gut wie es geht vergessen und neu
anfangen für eine bessere Welt -eine gute Welt für unsere Kinder - mit dem Gedanken,
daß ihnen eine so schreckliche Zeit, wie wir sie in unserer Kindheit und Jugend
durch dieses totalitäre System erfahren mußten, nie widerfahren sollte.
Willi Birkenbeil